 |
Medic Archiv 1 | 2 | 3 |
¦ Unfallbedingte Hypothermie ¦
Unfallbedingte Hypothermie
Die Hypothermie ist definiert durch einen Abfall der Körperkerntemperatur unter 35 Grad Celsius. Infolge einer Serie von 89 Fällen über 6 Jahre stellten wir fest, daß im Hochgebirge die Hypothermie in den meisten Fällen infolge eines Traumas (78% der Fälle) zu beobachten ist, insbesondere von Schädel-Hirn Traumen, Wirbelsäulen- oder Abdomenverletzungen. Bei jedem in der Notaufnahme eingelieferten hypothermen Patienten ist daher eine innere Verletzung bis zum Beweis des Gegenteils zu vermuten. Reziproker Weise ist jeder Schwerverletzte im Hochgebirge als potentieller Hypothermer zu behandeln; die Diagnose beruht auf den klinischen Zeichen sowie der im Ohr gemessenen Körpertemperatur. Die Sterblichkeit in der Serie beträgt 22%, wobei allerdings in 98% der Fälle eine schwere Begleitverletzung existierte. Die schwierige Behandlung der ursächlichen Verletzung (insbesondere die Rehydratation) entscheidet über die Prognose. Im Falle der isolierten Hypothermie besteht die Gefahr von Herzrythmusstörungen ; es müssen also alle Vorkehrungen getroffen werden um diese zu vermeiden : sanfte Mobilisierung, kurzer Transport, eventuelle Sedierung, aufrechterhalten eines korrekten Volumens. Die Reanimation eines hypothermen Patienten mit schlagendem Herz muß so regelmäßig wie möglich erfolgen. Das Günstigste ist, wenn sich der Patient von selbst erwärmt. Ohne Begleitverletzung geschieht dies in der Regel mit einer Geschwindigkeit von 1 Grad pro Stunde. Die Reanimation des Hypothermen mit Herzstillstand beruht nach Abschätzen der Überlebenschancen anhand der Anamnese, der Klinik und der Dosierung des Blutkaliums, auf Techniken der inneren Erwärmung kombiniert mit der klassischen Reanimation. Die beste Technik ist die extrakorporelle Zirkulation ; sie ist aber bei Begleitverletzungen nicht durchführbar und bleibt meist den großen, weit vom Unfallort entfernten Zentren vorbehalten. Beseht die Möglichkeit der extrakorporellen Zirkulation nicht, sind Spülungen der Körperhöhlen, insbesondere der Peritoneal- und der Bauchhöhle von Nutzen.
Erfrierungen
Die Erfrierungen werden üblicherweise eingeteilt in drei Grade, die sich in Abhängig von der Behandlung entwickeln (Erythem für den 1 Grad, Blasenbildung für den 2 Grad, Nekrose für den 3 Grad). Bei den Erfrierungen ersten Grades sind die klinischen Zeichen zunächst Blässe, gefolgt von einem Erythem während des Aufwärmens, einer vorübergehenden Zyanose, einer abgestumpften Sensibilität, und einer Heilung nach wenigen Tagen (die Sensibilitätsstörungen bleiben möglicherweise etwas länger bestehen). Die oberflächlichen Erfrierungen zweiten Grades sind zusätzlich gekennzeichnet durch seröse Blasenbildung ; Die Prognose bleibt die gleiche. Die tiefen Erfrierungen zweiten und dritten Grades, Quelle von mehr oder weniger invalidisierenden Schäden (verformte Nägel, Arthrose der Finger- und Zehengelenke, bis hin zur Nekrose der Extremität), sind charakterisiert durch eine komplette Anästhesie, sero-hämatöse Blasenbildung (die Prognose ist umso günstiger je größer diese sind und je schneller sie sich bilden), und einem proximal der Läsion lokalisiertem ausgedehntem Ödem. Die Differenzierung zwischen tiefen Erfrierungen zweiten Grades und denen des dritten Grades zeigt der langfristigeVerlauf. Der dritte Grad ist definiert durch den Gewebstot welcher zur Amputation führt. Mehrere Faktoren begünstigen das Auftreten von Erfrierungen : die Außentemperatur, der Wind, die Nässe, der Zustand der Hydratation, die höhenbedingte Polyglobulie .... und die Qualität der Ausrüstung. Zudem sind nicht alle Menschen gleich anfällig für Erfrierungen ; der klassischste Risikofaktor ist das Raynaud Syndrom und von geringerem Ausmaß der Nikotingenuß. Die Diagnose ist evident und wird üblicherweise vom Patienten selbst gestellt, für die Finger früher als für die Zehen. Die Prognose basiert auf klinischen Zeichen und wird durch eine Knochenszintigraphie gestützt. Eine frühe effiziente Therapie (in den ersten Stunden nach Läsion) bringt einen entscheidenden Unterschied für die Prognose. Sie stützt sich auf die Pathophysiologie : Vasokonstiktion und Thrombenbildung bei Kälteeinwirkung mit Erfrierung des Gewebes. Das einfachste und sinnvollste ist ist das schnelle Wiedererwärmen in einem 37 Grad warmen , antiseptischem Wasserbad ; dieses Wiedererwärmen alleine kann eventuell eine Nekrosebildung verhindern. Im Falle eines schmerzhaften Wiedererwärmens sind die Prognose der „Erfrierung" günstig und in der Regel heilbar. Bei den tiefen Erfrierungen folgt die medikamentöse Therapie : Vasodilatatoren, Acetylsalicilsäure, Entzündungshemmer und Heparin. Für die schlimmsten Fälle verwenden wir das Prostacycline (gleichzeitig Vasodilatator, Thrombozyten- und Leukozyten-Aggregationshemmer) und manchmal ein Thrombolytikum. Ausreichendes Blutvolumen ist von großer Bedeutung, wie auch eine feinsäuberliche Asepsie. Der Chirurg interveniert nach der ersten Woche mit einem öffnen der Blasen und abtragen der oberflächlich nekrotischen Gewebeanteile. Die Amputationen erfolgen wesentlich später um die, vom Organismus angebotene, natürliche Demarkationsgrenze zu respektieren. Glücklicherweise sind diese selten : weniger als 8% der 100 jährlichen, im Krankenhaus Chamonix zu behandelnden Fälle. Dennoch, die beste Therapie ist und bleibt die Prävention, die eine qualitativ gute Ausrüstung (Plastikschalen-Schuhe, zwei Paar Handschuhe ... ) und die Beachtung der Sicherheitshinweise, insbesondere des Wetterberichtes. All diese Empfehlungen dienen dazu den Alpinismus, vielmehr Lebenskunst als Sport, zu genießen und einem Abenteuer nicht den Verlußt einiger Finger- oder Zehenglieder folgen zu lassen.
Diskutieren Sie diesen Beitrag im Forum

|